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1961 hatte sich eine Herrligkoffer-Expedition die „Diamirflanke“ genannte 4000 Meter hohe Nordwestseite des Nanga Parbat zum Ziel gesetzt.

Bereits 1895 hatten der Engländer Albert Frederick Mummery und 1939 ein von dem Tiroler Peter Aufschnaiter geführtes deutsch-österreichisches Team hier ihr Glück probiert. Beide Vorstöße waren auf rund 6000 Metern gescheitert.

 

Auf der von Herrligkoffer ausgeklügelten Route rechts (südlich) der Mittelrippe erreichte das Team 1961 einen steilen Firnhang. Dabei bewältigte der leistungsstarke Jörg Lehne eine 150 Meter hohe steile Felsstufe. Eine lange Rechtsquerung führte in die unterhalb des Gipfelaufbaus eingelagerte Bazhinmulde. Allerdings blieb ein Gipfelversuch bei rund 7150 Metern im hüfttiefen Neuschnee stecken.

Im Mai 1962 trifft Herrligkoffer wieder im Diamirtal ein. An der Spitze einer schlagkräftigen Expedition. Denn mit Toni Kinshofer, Siegi Löw, Hubert Schmidbauer, Anderl Mannhardt, Michl Anderl und Manfred Sturm konnte der Expeditionsleiter einen guten Teil der leistungsfähigsten deutschen Bergsteiger mobilisieren.

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Die Flanke geht die Mannschaft beinahe im alpinen Stil an. Für die Träger versichern sie ein steiles, mehrere hundert Meter hohes Couloir sowie den 150 Meter hohen Felsaufschwung im Jahr zuvor von Jörg Lehne ersterstiegenen Felsaufschwung. Diese Barriere aus festem, rotbraunen Fels weist Schwierigkeiten von V oder V+ auf. Wie immer zeigt sich Toni Kinshofer als Ausnahmekönner. Mit Abstand erweist er sich als der Stärkste in der Mannschaft. Toni ist nicht nur konditionsstark, sondern auch stets erfüllt von einer ruhigen Gelassenheit. Für Schnee hat er ein Gespür wie wenige andere. So kommen seine Kameraden aus dem Staunen nicht heraus, mit welch traumwandlerischer Sicherheit er die heikle Querung zwischen Lager 3 und Lager 4 angeht, in der bereits Anrisse zu sehen sind. Immer quert er die Hänge an genau der richtigen Stelle, nicht zu hoch und nicht zu niedrig. Ohne dass man sich darüber abgestimmt hat, ist Kinshofer die Führungsfigur. Er drängt sich nie vor, ist aber doch immer an der Spitze.

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Das Wetter bleibt fast die ganze Zeit über stabil. Am Abend des 20. Juni 1962 liegen Kinshofer, Mannhardt, Anderl, Löw und Sturm dicht gedrängt in einem winzigen Nylonzelt auf 7400 Metern in der Bazhinmulde. Am nächsten Morgen wollen sie zum Gipfel weitersteigen. Schon abmarschbereit, stellen sie fest, dass es draußen schneit. Also zurück in die Schlafsäcke! Bei Tagesanbruch ist der Himmel wieder klar. Die Sonne brennt bald in die wie ein Hohlspiegel wirkende Mulde, dass die Hitze kaum erträglich ist. Nur mit der Unterhose bekleidet liegen die fünf im Zelt und fühlen sich wie in einer überheizten Sauna. Viel zu lange sind sie bereits in der großen Höhe und dementsprechend erschöpft.

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Als sie am Morgen des 22. Juni aufstehen, meldet sich Michl Anderl zu Wort: „Heut ist nicht mein Tag, ich steig’ ab ins Lager 3!“ Manfred Sturm erzählt von den nun folgenden Stunden: „So marschierten wir eben zu viert los. Gleich von Anfang an rannte Siegi Löw los wie ein Verrückter, als hätte er Ameisen gegessen. Wahrscheinlich war er zu diesem Zeitpunkt bereits unter Pervitineinfluss. Beim Aufstieg ins Lager 4 hatte er sich die Zehen angefroren. ‚Ich brauche meine Füße überhaupt nicht anzuschauen’, hatte er gesagt, ‚die sind so oder so kaputt!’ Das war eine der wenigen Situationen, wo der Toni nicht vorneweg ging. Eine ekelhafte Geherei! Teilweise hat der Schnee getragen, und dann bist du wieder unvermittelt bis zu den Knien eingebrochen. Wir waren bereits vier oder fünf Stunden unterwegs, aber die Bazhinscharte kam einfach nicht näher. Du gehst und gehst und schaust hoch, und die Scharte ist noch genauso weit weg wie vorher! Nach einiger Zeit stellte ich fest, dass es für mich zwecklos war. Ich hatte das nie wieder: ein scharfes Stechen zwischen den Schulterblättern, nicht konstant, sondern pulsierend. Wir saßen dann noch ein wenig zusammen und verteilten das Material. Für den Siegi war es keine Frage, dass er auf den Gipfel wollte. Bereits auf dem Schiff hatte es für ihn nur diese eine Devise gegeben. Das sagte er ganz entspannt. Der Siegi war ein lustiger Typ, aber unwahrscheinlich konsequent.“

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Kinshofer, Mannhardt und Löw schleppen sich hoch zur Bazhinscharte und erreichen den Gipfel über denselben Grat wie Hermann Buhl. Wie er stufen die drei Bergsteiger aus Bayern einige Stellen mit dem Schwierigkeitsgrad V ein. „Den Zapf’n hamma jetzt a“, war Toni Kinshofers lakonischer Kommentar nach der sechzehnstündigen Schinderei. Beim Abstieg wurde kurz unter dem Gipfel ein Biwak bezogen. Am nächsten Morgen stiegen sie weiter über die Diamirseite ab. Siegi Löw war am Ende seiner Kräfte und nicht mehr in der Lage, die Konsequenzen seines Handelns zu beurteilen. Mitten im steilen Gelände setzte er sich nach Anderl Mannhardts Bericht in eine Rinne und fuhr durch sie ab. Schwer verletzt blieb er in der Bazhinmulde liegen. Bis zu Siegi Löws Tod harrte Toni Kinshofer bei seinem Kameraden aus. Dann marschierte er die ganze Nacht durch bis zum Lager 3. Während des gesamten Auf- und Abstiegs hatten weder Kinshofer noch Mannhardt etwas gegessen oder getrunken.

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Die mangelnde Flüssigkeitsversorgung dürfte zu den schweren Erfrierungen an den Füßen beigetragen haben, die sich beide zuzogen. Der Körper von Siegi Löw konnte nicht geborgen werden.

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