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Nach dem Erfolg an der Diamirflanke im Jahr 1962 war die Erkletterung der Rupalseite des Nanga Parbat der nächste logische Schritt. Mit 4.500 Metern Höhenunterschied ist der Südabsturz des Nanga Parbat die höchste Steilwand der Erde.

Schon im Frühjahr 1963 war Herrligkoffer mit einer kleinen Mannschaft am Berg, um die Aufstiegsmöglichkeiten im zentralen Wandteil zu erkunden. Im Februar 1964 ging es dann ernsthaft zur Sache. Allerdings riss beim Aufstieg über den steilen Wieland-Gletscher ein Schneebrett vier Bergsteiger 500 Meter weit in die Tiefe. Zum Glück wurde aber niemand ernsthaft verletzt. Die Mannschaft regenerierte sich im Basislager und trieb dann die Route bis zu einem Felskamm oberhalb des Wielandgletschers empor, rund 5.800 Meter. Hier wurde ein weiteres Vordringen durch Intervention des pakistanischen Verbindungsoffiziers verboten, der behauptete, die Expedition sei vom vereinbarten Aufstiegsweg abgewichen.

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Doch die Hälfte der Wand war durchstiegen. 1968 gelang es Herrligkoffer erneut, eine starke Mannschaft für die Rupalflanke zu rekrutieren. Sie setzte sich größtenteils aus Mitgliedern jenes schwäbischen Teams zusammen, das im Winter 1966 die Direktroute in der Eigernordwand erstbegangen hatte. Trotz schwieriger Bedingungen am Berg gelangten der Münchner Peter Scholz und der Stuttgarter Wilhelm Schloz bis auf eine Höhe von 7.100 Metern. Dreihundert Meter über ihnen setzte die steile, zum Gipfelgrat emporziehende Merklrinne an. Doch der schwere Unfall des Stuttgarters Günter Strobel – er hatte sich beim Sprung über den Bergschrund am Wieland-Gletscher das Bein gebrochen – forderte die Konzentration aller Ressourcen auf die Rettung des Verletzten. Für einen erneuten Einstieg in die Wand fehlte dann die Kraft.

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Von seiner Erfolgschance überzeugt, startete Herrligkoffer im Mai 1970 mit einem schlagkräftigen Aufgebot von Bergsteigern aus Deutschland, Österreich und Südtirol einen weiteren Versuch an der Rupalwand. Die Expeditionsmannschaft setzte sich zusammen aus den deutschen Bergsteigern Michel Anderl (stellvertretender Expeditionsleiter), Gerhard Baur, Günther Kroh, Hermann Kühn, Gerd Mändel, Hans Saler, Peter Scholz, Peter Vogler, dem Profifotografen Jürgen Winkler sowie den österreichischen Bergführern Werner Haim und Felix Kuen und den bekannten Südtiroler Alpinisten Günther und Reinhold Messner. Der Berchtesgadener Wolf-Dietrich Bitterling war für den Gepäcktransport von Deutschland nach Rawalpindi zuständig; dabei unterstützte ihn der Deutsche Elmar Raab, der dann auch in die Expeditionsmannschaft aufgenommen wurde. Die Apothekerin Alice von Hobe zeichnete verantwortlich für medizinisch-wissenschaftliche Aufgaben, Max Engelhardt von Kienlin nahm als Gast an der Expedition teil.

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Am 3. Juni arbeiteten sich die Brüder Günther und Reinhold Messner zusammen mit Felix Kuen und Peter Scholz bei schlechtem Wetter bis zum Merkl-Eisfeld empor. Dabei versahen sie die bis zu 50 Grad steile Eiswand mit Fixseilen und legten ein Materialdepot an. Am 14. Juni zwang ein heftiger Schlechtwettereinbruch die gesamte Mannschaft zum Abstieg ins Basislager.

Als die Wettervorhersage eine stabile Schönwetterphase ankündigt, steigt die Mannschaft wieder in die Rupalwand ein. Am 25. Juni erreichen die Messner-Brüder den Beginn der Merkl-Rinne, wo Scholz und Kuen am folgenden Tag ein Zelt aufstellen, das so genannte Lager 5, 7.350 Meter. Sie steigen wieder ab nach Lager 4.

Am 26. Juni führt Reinhold Messner um etwa 14 Uhr von Lager IV aus ein Teleportgespräch mit dem Expeditionsleiter. Dessen Inhalt gibt der ebenfall im Hochlager anwesende Gerhard Baur wie folgt wieder: „Ich habe gehört, dass Reinhold Messner gesagt hat, er werde bei drohendem Schlechtwetter, das durch eine rote Rakete angekündigt werden sollte, den Alleinversuch zum Gipfel unternehmen, das heißt so weit gehen wie möglich.“ Falls die Wetterprognose günstig ist, wird Herrligkoffer dies mit dem Abschießen einer blauen Rakete signalisieren. Dann wird das Spitzenteam die Merklrinne mit Fixseilen versehen, um beim Gipfelgang höchstmögliche Sicherheit zu gewährleisten.

Am Abend des 26. Juni erreichen Gerhard Baur und die Brüder Messner das winzige Lager 5. Um 20 Uhr steigt trotz günstiger Wettervorhersage eine rote Rakete in den Himmel. Versehentlich: Eine blaue Banderole hat die Mannschaft im Basislager einen kleinen Aufdruck übersehen lassen, der darauf hinweist, dass die Rakete eine rote Leuchtkugel enthält. Reinhold Messner trifft seine Vorbereitungen. Seinen Bruder und Gerd Baur bittet er ausdrücklich, solange auf ihn zu warten, bis er wieder im Lager ist. Am 27. Juni steht Reinhold Messner um 2 Uhr früh auf und rüstet sich für den Aufstieg. Im Schein der Stirnlampe legt er seine Spur durch die zwischen 50 und 60 Grad steile Merklrinne, in die Felspassagen bis zum dritten Schwierigkeitsgrad eingelagert sind. 350 Höhenmeter unter dem Gipfel leitet eine Rampe nach rechts hinaus zur Südschulter.

Messner schaut nach unten und sieht eine Gestalt, welche durch die Rinne emporsteigt. Es ist sein Bruder Günther. Beim Absichern des Couloirs hat er sich so über die verhedderte Reepschnur geärgert, dass er sie wutentbrannt in den Schnee geworfen und sich spontan zum Gipfelversuch entschlossen hat. In weniger als vier Stunden hat er einen Großteil der Merklrinne durchstiegen, rund 400 Höhenmeter.

Vormittags gegen 9 Uhr beginnen die Brüder ihren gemeinsamen Anstieg zum Gipfel, den sie etwa um 17 Uhr erreichen. Nach einer Stunde auf dem Gipfel beginnen sie mit dem Abstieg. Gemäß Reinhold Messners Angaben war sein Bruder damals so erschöpft, dass er sich ohne Seilsicherung den Rückweg durch die Merklrinne nicht zutraute. Nach kurzer Abwägung hätten sich die beiden entschlossen, den Abstieg nach Westen über die Diamirflanke zu versuchen. In rund 8000 Meter Höhe hätten sie ein Notbiwak bezogen. Günther sei in der Nacht schwer höhenkrank geworden. Am Morgen des 28. Juni erreichte Reinhold die oberhalb der Merklrinne liegende Scharte im Westgrat. Von dieser Merklscharte aus konnte er die Rinne einsehen, durch die zwei Gestalten langsam emporstiegen. Es waren Peter Scholz und Felix Kuen. Sie gingen am Seil. Als die beiden endlich in Rufweite waren, erkundigte sich der vorausgehende Felix Kuen bei Reinhold, ob die Brüder auf dem Gipfel waren und ob alles in Ordnung sei. Reinhold beantwortete beide Fragen mit ja, und es sei alles in Ordnung.

Reinhold berichtet, ihm sei klar gewesen, dass er seinen höhenkranken Bruder so schnell wie möglich aus der Todeszone in Sicherheit bringen musste. Am besten über die Diamirflanke. Er sei vorgegangen und habe nach dem günstigsten Weg gesucht und einen Durchschlupf zwischen den beiden großen Serakzonen gefunden. Über Blankeis absteigend, hätten die Brüder die Mummery-Felsrippen erreicht. Messner schildert, was dann geschah:

„Ab und zu hatte ich den Eindruck, dass wir zu dritt sind, wusste aber, dass dies eine Täuschung war. Um Mitternacht erst begannen wir mit dem Biwak, mitten an der obersten Mummeryrippe. Um 3 Uhr kam der Mond. Günther hatte sich einigermaßen erholt. Wir stiegen weiter ab und erreichten bei Tagesanbruch leichte Firnhänge links der beiden unteren Rippen.

Zwischen zwei Gletschern wollten wir unten durchgehen, um ins Grüne zu kommen. An der ersten Quelle im Grünen wollten wir aufeinander warten. Wir liefen einen harten Firnhang hinunter, einer hinter dem anderen. Ich war schneller, wartete ab und zu. Schwierigkeiten waren keine mehr da.“

Reinhold Messner berichtet weiter, dass er seinem Bruder circa eineinhalb Stunden voraus war und ihn aus seinen Augen verloren hatte, lange auf ihn wartete und wieder in das Gletscherbecken hinaufstieg, wo er Günther das letzte Mal gesehen hatte. Die Trümmer einer kurz zuvor niedergegangenen Eislawine hätten ihn ahnen lassen, was geschehen war. Alles Rufen und Suchen sei vergeblich gewesen. Die ganze Nacht hindurch habe er den Bruder zwischen den Eistrümmern gesucht und nach ihm gerufen. Auch am nächsten Tag habe er die Suche fortgesetzt. Am Abend dieses 30. Juni sei er dann unter einen auf dem Gletscher liegenden Block gekrochen und habe versucht zu schlafen.

Tags darauf, am 1. Juli also, schleppte er sich hinunter ins Diamirtal. Hier nahmen sich Einheimische des vollkommen Entkräfteten an, der wegen seiner schweren Erfrierungen an den Füßen teilweise getragen werden musste, und brachten Reinhold Messner ins Industal zur Bunar-Brücke. Ein pakistanischer Offizier nahm ihn in seinem Jeep mit bis nahe Gilgit.

Drei Teilnehmer an der Expedition – Gerhard Baur, Max von Kienlin und Jürgen Winkler – sind aufgrund von Reinhold Messers Aussagen während des Unternehmens heute noch der Auffassung, dass der Südtiroler die Überschreitung des Nanga Parbat von vornherein geplant hatte. Reinhold Messner stellt dies in Abrede.

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Einen Tag nach den Messner-Brüdern hatten Peter Scholz und Felix Kuen ebenfalls den Gipfel des Nanga Parbat erreicht und beim Abstieg an der Südschulter biwakiert, um am 29. Juni ins Lager IV abzusteigen. Am 1. Juli trafen die letzten beiden Expeditionsmitglieder, Saler und Mändel, wieder im Basislager ein. Keiner wusste, wo Günther und Reinhold abgestiegen waren. Sowohl die Rakhiot- als auch die Diamir- und die Rupalseite kamen in Frage. Ein Suchtrupp stieg weiter ins Rupaltal hinauf, um zu schauen, ob die Brüder über den Westgrat abgestiegen waren. Zu dieser Zeit hatte Reinhold Messner bereits das Diamirtal erreicht und war in Sicherheit.

Am 2. Juli kamen die Träger ins Basislager der Expedition und wurden ausbezahlt. Um 5.30 Uhr am 3. Juli war Abmarsch. An einem Rasthaus wenige Kilometer vor Gilgit traf Karl Herrligkoffer, der beim ersten Trupp war, auf Reinhold Messner.

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