Header2.jpg

ursprünglich Montag, den 17. Mai 2010
Im Zusammenhang mit der Messner Tragödie 1970 am Naga Parbat ist folgender Beitrag aus der Zeitschrift 'fifty' sicher sehr lesenswert.

"Jeder Mensch erfindet früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält." Dieses Zitat stammt aus "Mein Name ist Gantenbein". Mit solchen Gedanken war Max Frisch seiner Zeit weit voraus.

 

Was im autobiografischen Gedächtnis lagert, ist tatsächlich eine sehr subjektive  Geschichte. Erinnerungen prägen die Persönlichkeit., aber die Persönlichkeit prägt auch die Erinnerungen. Unser Gehirn wäre ganz sicher in der Lage, Daten eins zu eins abzuspeichern. Aber unser psychisches Strickmuster trifft eine Auslese:  es entschiedet in Bruchteilen von Sekunden, was im Langzeitspeicher landet und was gelöscht wird. Nur was das Prädikat "bedeutsam" bekommt, erreicht die Großhirnrinde, wo Eindrücke als Gedächtnisspuren, als "Engramme" abgelegt werden.

Salopp gesagt: Jeder Mensch spinnt sich seine eigene Geschichte zurecht. Nach der Überzeugung von Professor Dr. Harald Welzer, der am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen arbeitet, ist es normal, sich falsch zu erinnern. Korrektes Erinnern ist seiner Ansicht nach eher die Ausnahme. Erinnerungen kommen schließlich auch durch den Austausch mit anderen zustande. Der Sozialpsychologe sprich vom "kommunikativen Gedächtnis". Das bedeutet: wir erinnern uns nicht an das Ereignis per se, sondern prägend ist, wie wir uns gegenseitig davon erzählen. Dieses Phänomen zeigt sich ganz besonders deutlich in "Erinnerungsgemeinschaften". Eindrückliches Beispiel: Menschen, die sich über ihre Kriegserfahrungen austauschen. Von Treffen zu Treffen werden die anfangs individuellen Berichte ähnlicher, bis schließlich so etwas wie eine kollektive Erinnerung entsteht.

Wenn es, wie beim Thema Krieg, um besonders sensible Erfahrungen geht, können Welten aufeinanderprallen, wie es sich anlässlich eines Vortrags des Historikers Helmut Schmatz über den schweren Bombenangriff auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945 zeigte. Unter den Zuhörern waren einige Dresdner, die sich als Zeitzeugen daran erinnerten, wie britische Tiefflieger die Menschen, die vor den Flammen durch die Strassen flüchteten, geradezu gejagt haben. Als der Referent belegen wollte, dass sich das wohl anders abgespielt haben musste, da die gewaltigen Brände niemals einen Tiefflug möglich gemacht hätten. gab es heftige Tumulte im Saal. Niemand mag es, wenn man seine Erinnerungen anzweifelt…

ERINNERUNGEN SIND GANZ PRIVAT

Neurobiologen und Gedächtnisforscher wissen: Wenn es um traumatische Erlebnisse geht, ist das Gedächtnis besonders unzuverlässig. Extremer Stress löst biochemische Prozesse im Gehirn aus, die die Speicherung von Erlebtem empfindlich stören. So gelangen nur noch Fragmente des Geschehens ins Langzeitgedächtnis. Um später eine "logische" Geschichte wiedergeben zu können, füllt das kreative Gedächtnis die Lücken mit Nachvollziehbarem aus. Erinnerungen an schlimme Situationen enthalten also oft wesentlich mehr Fantasie-Elemente als Erinnerungen an Alltagsereignisse. Diese wissenschaftliche Erkenntnis ist mindestens 20 Jahre alt, doch die "False-memory"-Diskussion bleibt ein heißes Eisen, vor allem unter Juristen, Psychiatern und Historikern.

Als Zeuge sei der Mensch eine Fehlkonstruktion, wird der Strafrechtler Professor Dr. Thomas Rönnau zitiert. Einer US-amerikanischen Studie zufolge beruhen 90Prozent aller Justizirrtümer indem USA auf falschen Zeugenaussagen. Die unbewussten Irrtümer, die Erinnerungsfehler, seien das eigentliche Problem für die Justiz, so Thomas Rönnau. Bewusste Lügen könne man viel leichter entlarven. Zeugen werden deshalb nur in besonderen Fällen vereidigt. Zu viele Menschen würde man andernfalls in die Strafbarkeit treiben, sagen Experten.

Als Zeugen unseres eigenen Lebens neigen wir dazu, den Rückblick zu beschönigen. Dieses Verbrämen steht und zu, den "die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können". So schrieb Jean Paul in seinem Roman "Die unsichtbare Loge". Da war der Dichter 30 Jahre alt...

Zum Seitenanfang